Mein Œuvre bewegt sich in dem faszinierenden Spannungsfeld zwischen Expressionismus, modernem Minimalismus und expressivem Informel.


Ich verstehe mein künstlerisches Schaffen als eine Absage an die visuelle Überreizung unserer Zeit.

 

Persönliche Anmerkungen zu meinen Werken sind kursiv gehalten

 

 

 

 

Regard par les broussailles sur le lac

Künstler:       Raymond Schorradt
Medium:        Öl auf Leinwand
Format:         140 x 100 cm
Entstehungsjahr: ca. 2020

 

 

In seinem Werk Regard par les broussailles sur le lac präsentiert Raymond Schorradt eine großformatige Komposition, die den Betrachter unmittelbar in eine dichte, beinahe meditative Vegetationswelt hineinzieht.

Mit den beachtlichen Maßen von 140 x 100 cm schafft das Bild eine physische Präsenz, die über eine bloße Landschaftsdarstellung hinausgeht und den Charakter einer immersiven Erfahrung annimmt.
​Die Komposition nutzt das Prinzip der Repoussoir-Malerei: Der Vordergrund ist durch ein dichtes Geflecht aus tiefgrünen Blättern und floralen Strukturen dominiert, die den Blick wie durch ein Schlüsselloch lenken. Im Zentrum bricht die Dunkelheit des Gestrüpps auf und gibt den Blick frei auf eine lichtdurchflutete, blaue Wasserfläche. Dieser Kontrast zwischen der organischen Schwere des Grüns und der ätherischen Leichtigkeit des Sees erzeugt eine bemerkenswerte räumliche Tiefe.
Farbwahl und Technik
​Schorradt arbeitet mit einer nuancierten Palette von Grün- und Türkistönen.

Lichtführung

Die Verwendung von leuchtendem Hellgrün in den Blütenzentren (fast neonartig wirkend) setzt rhythmische Akzente, die das Auge durch die dichte Flora führen.

Duktus

Der Farbauftrag in Öl wirkt spontan und lebendig. Man erkennt einen dynamischen Pinselstrich, der die Wildheit der „Broussailles“ (des Gestrüpps) unterstreicht.

Akzentuierung

Die punktuellen orange-roten Farbtupfer auf der linken Seite und im unteren Bereich fungieren als komplementäre Kontraste. Sie beleben das kühle Farbschema und verleihen der Szenerie eine natürliche Vitalität.

Inhaltliche Interpretation
​Der Titel ist hier Programm. Das Werk thematisiert das Verborgene und das Entdecken. Es beschreibt den Moment, in dem man im Unterholz innehält und die Weite der Natur durch eine Barriere hindurch wahrnimmt. Es schwingt eine gewisse Voyeuristik der Natur gegenüber mit – ein stilles Beobachten, das durch die kühle Farbwahl eine beruhigende, fast melancholische Aura erhält.
​Das Wasser im Hintergrund wirkt nicht wie eine flache Ebene, sondern wie ein Versprechen von Freiheit und Offenheit inmitten der umschließenden Enge des Waldes oder Gartens.

Struktur und Dynamik
​Auf einer monumentalen Fläche von 140 x 100 cm entfaltet Schorradt ein Werk, das durch seine vertikale Dynamik besticht. Die Technik – Öl auf Leinwand – wird hier voll ausgeschöpft: Die Schwere der Pigmente verleiht den Pflanzenelementen eine haptische Qualität, während die Lasurtechnik im Zentrum des Bildes die Transparenz des Wassers imitiert.
Die Geometrie des Blicks

Das Bild folgt einer zentripetalen Logik. Alles drängt zum Lichtpunkt in der Mitte. Schorradt nutzt die „Broussailles“ nicht nur als Motiv, sondern als strukturelles Gitter, das dem Bild Halt gibt.
Chiaroscuro der Natur

Statt klassischem Hell-Dunkel arbeitet der Künstler mit einem „Grün-Blau-Kontrast“. Das tiefe, fast opake Waldgrün am Rand fungiert als Rahmen für das leuchtende Cyan des Sees. Die fluoreszierenden gelbgrünen Blütenköpfe wirken wie künstliche Lichtquellen, die den Raum von innen heraus illuminieren.
Fazit
​Raymond Schorradt beweist mit diesem Werk ein tiefes Verständnis für die atmosphärische Wirkung von Farbe und Raum. Regard par les broussailles sur le lac ist eine gelungene Symbiose aus abstrahierender Naturbeobachtung und expressiver Farbgewalt.

Es ist ein Werk, das Ruhe ausstrahlt, aber durch seine Struktur und die versteckten Details eine dauerhafte visuelle Spannung aufrechterhält. Ein beeindruckendes Beispiel zeitgenössischer Ölmalerei, das besonders in seiner Größe seine volle Wirkung entfaltet.

Jenseits der handwerklichen Meisterschaft ist das Werk eine visuelle Metapher für die menschliche Wahrnehmung.
​Der Titel „Regard par les broussailles“ impliziert eine Anstrengung – das Hindurchsehen, das Überwinden von Hindernissen. Das Gestrüpp symbolisiert das Chaos, die Komplexität und die Dichte des Alltags. Doch Schorradt lässt uns hier nicht gefangen. Er schenkt uns den „Lac“ – den See – als Symbol für Klarheit, Unendlichkeit und emotionale Ruhe.
​Es ist ein zutiefst optimistisches Bild: Es lehrt uns, dass selbst im dichtesten Dickicht (der „Broussailles“) immer ein Fenster zur Freiheit existiert. Die kleinen roten Farbakzente wirken dabei wie Herzschläge der Natur – ein pulsierender Beweis für das Leben, das sich im Verborgenen abspielt.
Schorradt gelingt hier das seltene Kunststück, eine Landschaft gleichzeitig abstrakt und figurativ zu behandeln. Das Bild dominiert den Raum, ohne ihn zu erdrücken; es lädt zum Verweilen ein und bietet dem Auge durch die komplexe Überlagerung von Farbschichten bei jedem Betrachten neue Entdeckungen. Ein Schlüsselwerk in Schorradts Schaffen, das die Sehnsucht nach dem „Dahinter“ perfekt einfängt.

 

 

 

 

 

Pair-non-Pair

Technik: Öl auf Leinwand
​Format: 50 x 40 cm

Mammouth

Technik: Öl auf Leinwand
​Format: 50 x 40 cm

In der Geschichte der modernen Malerei gibt es Momente, in denen die Begegnung mit der tiefen Vergangenheit einen radikalen Vorstoß in die Abstraktion auslöst. Für den Maler Raymond Schorradt war dieser Katalysator der Besuch der Grotte de Pair-non-Pair Ende der 1970er Jahre. Die dortigen Petroglyphen – zehntausende Jahre alte Gravuren aus dem Aurignacien – hinterließen Spuren, die weit über eine bloße Inspiration hinausgingen. Sie initiierten eine künstlerische Dekonstruktion, die in dem Werk Mammouth ihren minimalistischen Höhepunkt findet.

Um das Werk Mammouth zu verstehen, muss man Schorradts Vorläuferwerk Pair-non-Pair betrachten.

In seinem Bild Pair-non-Pair setzt sich der Künstler noch direkt mit der Figuration der paläolithischen Kunst auseinander. Wir sehen eine Komposition aus Mammut, Steinbock und eines Wisent, eingebettet in erdige Ocker- und Brauntöne, die unmittelbar an das Gestein der Höhle erinnern. Schorradt fängt hier bereits die Eleganz der prähistorischen Linie ein: Die Umrisse sind reduziert, aber noch als Kreaturen erkennbar. Das weiße Stoßzahn-Element des Mammuts bildet einen hellen Akzent, während abstrakte Zeichen („X“ und „*“) den mythologischen Raum der Höhlenwand zitieren. Es ist eine Hommage an die Ur-Künstler, eine Übersetzung von Stein auf Leinwand.

Die Metamorphose:

Mit dem Werk Mammouth vollzieht Schorradt einen radikalen Schritt in Richtung des Minimalismus. Er befreit das Motiv von seiner physischen Last und seiner narrativen Umgebung. Was bleibt, ist die reine Idee des Mammuts.

Die Linie als Chiffre:

Das Tier ist nicht mehr als Körper präsent, sondern als eine einzige, kühne blaue Kurve. Diese geschwungene Linie ist eine meisterhafte Reduktion der Rückenlinie und des Rüssels, die wir im Vorgängerbild sahen. Das Blau – ein bewusster Bruch mit den Erdtönen der Grotte – entrückt das Motiv der Höhle und überführt es in einen geistigen, fast sphärischen Raum.

Farbe und Atmosphäre:

Der Hintergrund ist von einer subtilen, diffusen Farbigkeit geprägt. Sanfte Übergänge von blassem Gelb zu kühlen Grau- und Rosatönen erzeugen eine Atmosphäre von Zeitlosigkeit. Es wirkt wie eine verblasste Erinnerung oder ein Echo aus dem Nebel der Geschichte.

Geometrische Kontrapunkte:

Die drei vertikal angeordneten weißen Punkte auf der linken Seite und die scharfkantige, helle Keilform (Stosszahn des Mammuts?) rechts fungieren als kompositorische Anker. Sie bilden einen spannungsvollen Kontrast zur organischen Bewegung der blauen Linie. Diese geometrischen Elemente unterstreichen den Prozess der Abstraktion: Die Natur wird zur Form, die Form wird zum Symbol.

Fazit:

Die Ästhetik des Weglassens Raymond Schorradt beweist mit Mammouth eine beeindruckende konsequente Weiterentwicklung. Während Pair-non-Pair noch die Bewunderung für das archaische Handwerk zeigt, ist Mammouth eine intellektuelle Durchdringung desselben. Schorradt gelingt es, die archaische Kraft des eiszeitlichen Giganten in eine zeitgenössische, minimalistische Formsprache zu übersetzen. Er lehrt uns, dass man manchmal alles weglassen muss, um den Kern des Ganzen sichtbar zu machen. Mammouth ist nicht nur ein Bild über ein Tier; es ist ein Bild über die Linie an sich und die Fähigkeit des menschlichen Geistes, aus dem Chaos der Natur eine Ordnung von zeitloser Schönheit zu schaffen.

 

 

 

 

ALMOST NOTHING

Technik: Öl auf Leinwand
​Format: 50 x 40 cm

Persönliche Anmerkung

Schon seit längerem beschäftige ich mich mit einem ganz speziellen Problem der abstrakten Malerei – dem Minimalismus.

Das ist hochintellektuell und äusserst anspruchvoll.

Man kann nicht einfach so einen Strich ziehen (das wäre banal), die Leinwand einfach leer lassen (lächerlich) oder die Leinwand monochrom einfärben (einen ähnlichen Ansatz gab es bereits mit dem schwarzen Quadrat von Kasimir Malewitsch).

Ich zielte auf einen wirklich minimalistischen Ansatz dafür aber mit wuchtigen Aussage.

Dann kam die Inspiration zu meinem Werk ALMOST NOTHING

Anfang 2017 lag ich mit einer Krebserkrankung im Krankenhaus.

Da dieser Krebs weder auf Chemotherapie noch auf Bestrahlung reagiert gab/gibt es nur die chirugische Alternative.

Ich wurde also operiert.

So ein todkranker und hilfloser Mensch hängt an verschiedenen Maschinen, soll heissen Überwachungsmonitore überwachen und zeigen die Körperfunktionen.

Die Genesung klappt nicht bei allen und der Mensch verstirbt.

Ein Alarm geht los und dann gibt es eine Menge Hektik auf der Station. Ein Arzt kommt und stellt den Exitus fest. Ein zweiter Arzt kommt und bestätigt den Tod. Erst dann werden die Maschinen abgestellt. Die Linie auf dem Monitor ist flach geworden.

Der Verstorbene wird von der Technik abgehängt und ganz zum Schluss werden auch die Monitore abgeschaltet. Die Linie fällt zu einem Punkt zusammen und dann erlischt auch dieser.

ALMOST NOTHING des Künstlers ist eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit der Grenze zwischen Materie und Leere, zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden.

Das Werk präsentiert sich dem Betrachter zunächst als eine Studie in Zurückhaltung. Schorradt nutzt die klassische Technik der Ölmalerei, um eine Textur zu schaffen, die trotz der motivischen Reduktion eine enorme Tiefe besitzt. Das Werk zeigt – dem Titel folgend – „fast nichts“, doch in diesem Wenigen liegt die gesamte Spannung des Bildes.
Die Farbwahl ist oft gedeckt, wobei Schorradt meisterhaft mit Licht und Schatten spielt, um Formen zu suggerieren, die sich erst bei längerem Betrachten aus dem Hintergrund schälen.

Es scheint eine Szenerie oder ein Objekt angedeutet zu sein, das sich im Zustand der Auflösung befindet oder gerade erst im Begriff ist, Form anzunehmen. Die Leere als Raum - Das Bild ist kein Vakuum, sondern ein geladener Raum. Der Titel provoziert die Erwartungshaltung des Betrachters: Wenn dort „fast nichts“ ist, was ist dann das „Fast“?
​Minimalismus der Emotion - Schorradt verzichtet auf laute Gestik.

Die Rezension des Werks offenbart eine fast meditative Stille.

Es zwingt den Betrachter zur Entschleunigung – wer zu schnell hinsieht, sieht tatsächlich nichts. Technik vs. Thema - Dass ein so flüchtiges Thema in der schweren, dauerhaften Technik der Ölmalerei festgehalten wird, verleiht dem „Fast Nichts“ eine physische Schwere und Bedeutung.
​Raymond Schorradt, der unter anderem im Schweizerischen Amriswil aktiv ist und seine Werke auf internationalen Plattformen (wie YICCA oder Art Talent Fair) präsentiert, zeigt in seinem Portfolio (z.B. Regard par les broussailles sur le lac) oft ein Interesse an der Beobachtung durch Barrieren. Während andere Werke den Blick durch Gebüsch oder Dunst thematisieren, geht ALMOST NOTHING einen Schritt weiter: Die Barriere ist hier die visuelle Reduktion selbst.
ALMOST NOTHING ist ein mutiges Werk. In einer Zeit der visuellen Überreizung setzt Schorradt auf das Radikale der Aussparung.
​Atmosphärische Dichte - Trotz (oder wegen) der motivischen Leere erzeugt das Bild eine starke Stimmung, die zwischen Melancholie und purer Ästhetik schwankt. Die Nuancen in der Öltechnik verhindern, dass das Bild flach wirkt. Die Oberfläche lebt.

Dem Künstler gelingt mit ALMOST NOTHING ein philosophisches Statement auf Leinwand. Es ist eine Einladung an das Individuum, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Das Bild ist nicht nur eine visuelle Erfahrung, sondern eine Übung in Demut gegenüber dem Sichtbaren.

 

Persönliche Anmerkung

Neun Jahre nach der erfolgreichen OP sah ich mich veranlasst mein Werk ALMOST NOTHING neu zu interpretieren. Es gibt zwar immer noch die weisse sich auflösende Linie aber nun setzte ich diese vor einen hoffnungsvollen blauen Hintergrund. Der goldene Rahmen wird hier wichtiger Bestandteil des Werkes denn er symbolisiert den Blick in die Zukunft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

tête bleu

Technik: Öl auf Leinwand

Format: 50 x 60 cm

 

Hilfestellung

 

Das Werk tête bleu ist eine faszinierende, abstrakte Komposition, die sich fast ausschließlich über Nuancen der Farbe Blau und eine dynamische Linienführung definiert. Während das Bild auf den ersten Blick wie ein rein informelles Geflecht aus Pinselstrichen wirkt, offenbart es eine im Titel angedeutete figürliche Ebene:

einen menschlichen Kopf im Profil.

Farblichkeit und Atmosphäre:
Das Bild ist geprägt von einer kühlen, fast ätherischen Monochromie. Ein helles, verwaschenes Lichtblau bildet die Basis und verleiht dem Werk atmosphärische Tiefe. Harte Kontraste entstehen durch tiefblaue Akzente in Form von kräftigen Strichen und Schraffuren.

Form und Struktur (Die „tête“):
Am linken Bildrand formt eine markante, fast vertikale Linie die Stirn, die in eine spitze Nasenform übergeht. Darunter deutet ein Rücksprung die Mundpartie und das Kinn an. Zwei waagerechte, dunkle Keilformen markieren die Augenpartie und verleihen der Figur einen meditativen Ausdruck. Eine weite, schwungvolle Linie führt über den Oberkopf zu einer spiralförmigen Hinterkopfpartie.

Dynamik:
Das Bild lebt von einer starken Diagonaldynamik (von links unten nach rechts oben). Dies verleiht dem Kopf eine flüchtige Qualität – als würde die Gestalt im Moment ihrer Entstehung bereits wieder mit dem Hintergrund verschmelzen.

Kunsthistorische Einordnung

Das Werk lässt sich im Spannungsfeld zwischen dem deutschen Expressionismus und dem europäischen Informel verorten:

Expressionistischer Geist:
Die Farbe Blau wird hier als Symbolfarbe für Spiritualität und das Unendliche genutzt (ähnlich wie beim „Blauen Reiter“). Es ist kein Porträt eines Körpers, sondern eines Geisteszustands. Die "Zerrissenheit" der Linien betont die emotionale Ausdruckskraft.

Informel und Tachismus:
Fokus auf den Akt des Malens und die Geste. Der Kopf schält sich erst mühsam aus dem „Formlosen“ heraus. Es gibt keine klare Trennung zwischen Figur und Grund (All-Over-Prinzip), was dem Werk eine moderne, prozesshafte Dynamik verleiht.

Fazit:
tête bleu entzieht sich einer flüchtigen Betrachtung durch seine konsequente Reduktion auf die Farbe Blau und die reine, dynamische Geste. Raymond Schorradt nutzt das Spannungsfeld zwischen emotionaler Farbsymbolik und radikaler Formauflösung. Ein Geflecht aus tiefblauen Kraftlinien markiert die Fragmente einer menschlichen Gestalt, während der Hinterkopf in eine wirbelnde Abstraktion übergeht. Das Werk steht in der Tradition der Reduktion, geht jedoch den entscheidenden Schritt weiter in die vollkommene malerische Freiheit, in der sich Materie und Geist im Blau auflösen.